Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Zurück in Shida Kartli

Es regnet die ganze Nacht in Strömen, und Bäche fließen die Strasse herab. Am Morgen ist es jedoch ganz untypisch hell und sonnig. Das ist auch gut so, denn ab Khulo ist die Strasse in einem ziemlich miserablen Zustand, und es geht sehr langsam, Kurve um Kurve, und Schlagloch um Schlagloch voran. So langsam kommt Frustration auf, wenn die Aussicht nicht so schön wäre, würde jetzt die Stimmung kippen.

Auf 2025m, neben der Strasse liegen noch Schneereste, erreichen wir endlich die Passhöhe. Eine einsame Seilbahn wartet hier im Winter auf Skifahrer, aber wie die hier hinkommen ist mir schleierhaft: Doch wohl nicht über diese endlose, kurvige Strasse?

Jetzt geht es wieder bergab, und die Schneeschmelze ist in vollem Gange. Mehrmals fliesst ein Bach quer über die Strasse, einmal sogar etwa 100m die Strasse entlang. Erst in Adigeni wird die Strasse wieder befahrbar, aber für die 50km von Khulo bis dort haben wir fast drei Stunden gebraucht. Über diesen Pass ging früher die Seidenstrasse, ich bewundere die Leistung der Karawanen immer mehr!

Kaum ist die Strasse wieder asphaltiert, biegen wir in ein Dorf abseits ab. Hier soll es eine schöne Kirche und einen tollen Ausblick geben. Die Kirche ist aber ziemlich gewöhnlich, und der Ausblick auch nicht besonders. Dafür der Weg wieder zurück zu Landstraße: Es wird immer enger und steiler, und an Umdrehen ist nicht zu denken. Schließlich stehen wir vor diesem „Straßen“abschnitt:

Als wir hier durch waren, war ich erst mal eine Zeit lang ganz leise, denn mein Pulsschlag übertönte alle anderen Geräusche. Beinahe wäre das Auto gekippt, und die letzten paar Höhenmeter, unten, nach der Kurve, waren nur mit Schwung zu bewältigen um durch die Kuhle auf die schöne, asphaltierte Straße zu gelangen.

In Akhaltsikhe hat uns die Zivilisation wieder, hier steht eine riesige Burg, die durch die EU komplett restauriert wurde. Die Anlage ist sehr sehenswert, dazu gehört auch ein kleines Museum. Ausgestellt sind unter anderem mehrere alte Bücher, eines ist etwa 1000 Jahre alt – Wow! Die Schrift ist ebenmässig wie gedruckt, die Farbe der roten Überschriften ist immer noch erhalten.

Schlussendlich kommt noch hoher Besuch: Eine Delegation aus der Türkei fällt ein. Erst ein Rudel Sicherheitsleute mit Knopf im Ohr und georgische Polizei, dann ein Dutzend geistliche Würdenträger mit Turban und Kaftan. In der Burg ist neben jüdischem Tempel und orthodoxer Kirche auch eine Moschee, die wird vermutlich besucht. Oben haben wir bereits einen fertig eingerichteten Konferenzraum gesehen.

Apropos Zivilisation und EU: Georgien ist schlau, und nutzt die Lust der Europäer und Amerikaner, den russischen Bären zu ärgern. Vor allem Europa pumpt hier viel Geld rein, um Georgien fest an sich zu binden. Erst die Woche hat die NATO ein gemeinsames Manöver mit Georgien durchgeführt, die Russen waren wie nicht anders zu erwarten „not amused“. Georgien nutzt das Schmiergeld, überall wird gebaut. Wer die Dirt Road nach Batumi auch mal geniessen möchte, muss sich beeilen. Türkische Unternehmen bauen hier mit europäischem Geld eine georgische Autobahn auf deutschem Niveau. Die ersten Brückenpfeiler stehen bereits, und hinter Kashuri ist die Autobahn bereits fertig. Inklusive einer äußerst schicken Raststation mit georgischem Fast Food (also keine Burger) und einem Supermarkt, der überwiegend deutsche Produkte (zu happigen Preisen) verkauft. Ganz Georgien ist eine Baustelle, wenn wir in zehn Jahren wieder nach Georgien kommen sollten, erkennen wir vermutlich wenig wieder.

Aber bis zur Autobahn sind es noch 100km gut ausgebauter Landstrasse durch das Mtkvari-Tal – der Fluss, dessen Quellgebiet auf dem Pass liegt, den wir am Vormittag überquert haben, und der weiter unten durch Tiflis fliessen wird. Das Tal ist wunderschön, bei Borjomi ist links alles Nationalpark. Dessen Aufbau ist von der deutschen KFW finanziert. Zum Betreten des Nationalparks muss man sich registrieren, aber es ist niemand mehr da. Und das, obwohl eigentlich noch 15 Minuten geöffnet ist, laut Schild. Tststs…

Der Tag endet in Gori, auf dem Hinweg haben wir hier bereits die Festungsanlage gesehen, als wir die Stadt an der anderen Uferseite umfahren haben. Jetzt holen wir die Besichtigung nach. Außer dem Mauern ist nichts erhalten, dafür ist die Aussicht umwerfend – Gori liegt im weiten Tal zwischen kleinem und großem Kaukasus, beide Bergketten sind mit ihren schneebedeckten Gipfeln zu sehen. Der Fluss Liakhvi mündet hier in den Mtkvari, und ist erfreulicherweise komplett unreguliert. Ein breites, natürliches Flussbett durchzieht die Stadt, in der sich Tradition und Moderne die Hand geben.

Josef der „Stählerne“ ist hier geboren (Stalin war George und nicht Russe), und sein Geburtshaus ist erhalten. Zum Schutz ist ein tempelförmiges Dach auf Säulen darüber gebaut worden, und alle Häuser außenrum wurden entfernt, um einem Park zu Ehren des großen Mannes zu errichten, der Hitler in die Knie zwang (Nein, entgegen der weit verbreiteten Meinung waren es nicht die Amerikaner, sondern die Russen, an denen Hitler scheiterte). Dass der „große Mann“ Millionen Russen in die Gulags verschleppt hat, und aus einem kommunistischen Staat eine Diktatur gemacht hat, wird hier ignoriert. Hier wird Stalin nach wie vor verehrt, es gibt auch einen Stalin-Supermarkt mit Devotionalien. Neben der Stalin-Statuette steht lustigerweise auch eine von Charlie Chaplin, und neben Stalin-Vodka kann man auch Highland-Whiskey und deutsches Bier kaufen.

Noch ein paar Impressionen:

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