Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Uplistsikhe

Immer dem Lauf des Mtkvari-Flusses folgend führt uns der Weg heute durch Windows-XP-Land:

Es geht auf guter Landstrasse fast ohne Schlaglöcher zügig voran, und auf dem Weg begegnen uns mehr Kühe als andere Autos. Fast erscheint es, als wäre man in Indien – Überall Kühe am Strassenrand. Oder auch mal mitten auf der Strasse. Man muss immer auf der Hut sein, hinter jeder Kuppe oder Kurve könnte eine Kuh stehen. Oder ein Schwein.

Georgische Dörfer erkennt man immer einfach an den bunten Wasserrohren, die sich entlang der Strasse in Wellen durch die Orte winden. Vermutlich war es einfach billiger, die Rohre so zu verlegen, anstatt sie zu vergraben. Und jeder Ort hat eine andere Farbe für seine Rohre.

Erstes Tagesziel ist Uplistsikhe, die „Stadt der Herrscher/Götter“ (Je nachdem, welchen Artikel man liest). Um Christi Geburt wurden hier die ersten Höhlen in den Stein gehauen, später wurde die Stadt dann christliches Zentrum Georgiens, bis dieser Titel erst an Mtskheta (wo wir morgens gestartet sind), und später an Tiflis ging.

Im 14ten Jahrhundert plünderten dann die Mongolen die Stadt, und damit war die Ära der Höhlenstadt endgültig beendet. Die Überreste sind überaus spannend, wenn auch lang nicht so bildhaft wie Pompeji. Einerseits ist alles, was nicht Stein ist, verrottet oder sonstwie verschwunden. Andererseits konnte es die Kirche nicht lassen, inmitten dieses Kulturdenkmals eine moderne Kirche zu pflanzen. An einigen Stellen in den Höhlen ist auch zweifelhaft, ob die Arbeiten vor 1000 oder vor 100 Jahren durchgeführt wurden.

Dennoch: Man kann die Phantasie wild herumgaloppieren lassen, die Augen zusammen kneifen, und sich ausmalen, wie das wohl damals ausgesehen haben mag. Ob die Mongolen durch das Tal geritten kamen, und die Einwohner in blinder Panik in die Berge geflüchtet sind. Oder kamen sie Nachts von oben und haben das Dorf in Flammen gesteckt? Wie war wohl das tägliche Leben hier? Sassen die alten Leute wie heute noch an der „Hauptstrasse“ auf einem Bankerl und haben begutachtet, was die Jugend so treibt? Was sind wohl diese ewa einen Meter breiten Löcher mit Einlauf, die in fast jedem Raum im Boden zu finden sind?

Weiter geht es gen Westen auf der Landstrasse südlich des Flusses, an Gori mit seiner Festung auf dem Hügel vorbei, vorbei an der gerade von einem Priester angebeteten Stalin-Statue (Der Kerl war Georgier). Die Berge im Norden werden immer deutlicher, aber auch im Süden, bei Borjomi sind jetzt schneebedeckte Gipfel zu sehen. Unten im Tal hat es angenehme Temperaturen bei etwas über 20 Grad, die Sonne knallt oft hell herunter, in Deutschland wären jetzt die Cabrios unterwegs. So etwas sieht man hier nicht, aber dafür Mercedes, BMW (fast immer M-Klasse) und Lexus. Teilweise ziemlich verlebt, aber auch etliche neue Modelle. Die Strasse ist zwar meist wirklich gut, aber warum man sich hier einen BMW M6 mit wenigen Millimetern Bodenfreiheit kauft, das erschließt sich mir nicht.

Nach Khashuri geht es auf den Highway E60 durch die Berge, hier ist dann wieder deutlich mehr los. Der Highway ist amerikanischen Highways nicht unähnlich, und man kann problemlos 100-120 km/h fahren. Erlaubt sind 60 km/h, aber niemand, auch nicht die Polizei, hält das ein, wenn sein Auto mehr her gibt. Überholt wird auch ohne Sicht, einmal überholt ein Pulk von 5 Autos gleichzeitig einen Laster – bei 9% Gefälle auf kurviger Strecke, und in Zweierreihen. Mit einem Polizeiwagen mittendrin, der es auch höllisch eilig hat.

Entlang der Strasse reihen sich Cafés, Fressbuden, Verkaufsstände, Werkstätten. Und lustigerweise immer schön gruppiert: Mal werden an 30 Ständen hintereinander identisch aussehende Brotlaibe verkauft – immer steht jemand mit einem Laib in der Hand vor einem Tisch mit weiteren Broten, und winkt mit seinem Brot den Autos. Die meisten haben „5+1“-Schilder am Tisch, einige Mutige haben sogar die „Kaufe 4, Bekomme 1 Brot gratis“-Regel. Dann ist Pause, dann kommen 4 Kilometer lang geflochtene Körbe. Anderswo gibt es nur Käse, nur Süßigkeiten (die wie Würste aussehenden in Sirup getunkten Nüsse – Tschurtschchela), dann wieder halbe Schweine. Oder Hängematten. Das ist uns bereits zu Beginn aufgefallen, und so richtig erklären können wir es uns nicht.

Am späten Nachmittag erreichen wir die zweitgrößte Stadt Georgiens: Kutaisi. Hier wollen wir uns ein Guesthouse suchen und noch einen Stadtrundgang machen. Nach längerer Suche und einer unfreiwilligen Stadtrundfahrt von Guesthouse ohne Personal, zu nicht vorhandenem Guesthouse, zu „Nein, Schlafsaal wollen wir nicht“-Hostel zu „100 Lari sind uns zu teuer“-Hotel beschließen wir weiter zu fahren.

Die Stadt macht ganz anders als Tiflis einen sehr depressiven Eindruck, und wir haben das Gefühl den einzig schönen Platz im Ort schon gesehen zu haben.

Wir nehmen uns in Zqaltubo 15km außerhalb ein Hotel, denn wir fahren an einem Park mit wunderschönen Häusern vorbei. 50 Lari kostet hier die Übernachtung mit Frühstück – knapp 20 Euro. Vor dem Hotel ist der „Istanbul Bazaar“, eine dunkle Fabrikhalle mit Parkplatz davor, in der an vielen Ständen hauptsächlich Gemüse verkauft wird. An Istanbul erinnert mich vor allem der Schmutz. Romantische Vorstellungen an einen türkischen Bazaar kommen hier nicht auf. Auch sonst ist der Ort ziemlich heruntergekommen, bis auf den 2km langen Park mit den Badehäusern: Hier kommen jedes Jahr 100.000 Gäste, weil es Heilquellen gibt. Innen Luxus, außen rum wohnen die Angestellten weniger luxuriös. Völlig unverständlicherweise wird alles Verdiente wohl allein ins Auto gesteckt: Die Mercedes-Dichte ist hier höher als in Stuttgart, aber die Häuser sind schmutzig, schmucklos, ungepflegt. So unterschiedlich sind die verschiedenen Landesteile. Von Aufbruch ist hier nichts zu spüren. Das mag daran liegen, dass Imeretien, der Landesteil, in dem wir uns befinden, bis vor wenigen Jahren das Sizilien von Georgien war: Das Zentrum der organisierten Kriminalität.

Da es keine Imbissbuden gibt, setzen wir uns noch mal ins Auto und suchen ein Restaurant. Das stellt sich als schwieriger heraus als gedacht: Es gibt laut Open Street Maps eines am Südende des Parks, das ist aber vermutlich geschlossen. Wir erkennen auch nicht, ob es wirklich ein Restaurant ist, oder ob die 2 Tische vor dem Einkaufsladen gemeint sind. Schlussendlich finden wir 5km nördlich unseres Hotels ein Restaurant mit mindestens 150 Plätzen, in dem wir alleine sitzen. Es gibt neben den leckeren Chinkali eine weitere Spezialität: Megruli Chatschapuri. Das kann man sich wie amerikanischen Pizzateig mit einbebackenem Schafskäse vorstellen. Sehr lecker! Dazu gibt es aus der Rubrik Salat „Tomate und Gurke mit allerlei Grünem“. Das ist dann ein Teller mit einer Tomate, einer Gurke, und einem Berg Kräuter (Petersilie, Frühlingszwiebeln, etc.) darüber. Nicht geschnitten, nicht angemacht, einfach wie am Markt gekauft auf den Teller gelegt. Das scheint hier so üblich zu sein, gestern im Guesthouse stand das auch als Beilage auf dem Tisch.

 

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