Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Sevilla und Gibraltar

Das Ilunion Alcora Sevilla war unsere bisher beste Übernachtung. Schon das Foyer war sehr einladend, und auch die Zimmer waren schön groß. Das Ganze für 44€ pro Zimmer. Da haben wir schon viel schlechter für teurer übernachtet!

Weil es so schön und bequem war, und Gabi an Ihrem Geburtstag ausschlafen durfte, haben wir es ruhig angehen lassen, und dann gemütlich gefrühstückt. Erst am späten Vormittag haben wir uns in die Stadt aufgemacht.

Sevilla

Die andalusische Hauptstadt ist wunderschön! Architektonisch geht man von Ohhh! zu Aaaahhh! und es ist so wunderbar gepflegt.

An einer großen Strasse stehen hupende Taxen von Horizont zu Horizont – sie protestieren gegen die Liberalisierung des Taximarktes und die Prekarisierung (oder sollte ich sagen „Uber“isierung) Ihrer Arbeitsverträge.

Dummerweise hat uns jetzt die Kaltfront eingeholt, und die bringt kurze, aber heftige Regenschauer. Und so wird das Sightseeing ab Mittag zum Wechselspiel zwischen Sonnenschein und Rennen zum Unterstand.

Hell-Dunkel geht es weiter, blauer Himmel und nasses Grau wechseln sich blitzschnell ab.

Vielleicht ist der Regen aber gar nicht schlecht, denn in der Stadtmitte steigt plötzlich schwarzer Rauch auf. Die Feuerwehr kommt kurz nachdem ich die Rauchsäule entdecke mit lauten Tatütata an, und wir nehmen dann doch lieber die Straße eins weiter.

Hoffentlich wurde niemand verletzt!

Ich bin begeistert von spanischen Städten, eine ist schöner als die Andere. Ich fühle mich wohl hier!

Auf dem Weg aus der Stadt heraus müssen wir ein wenig Zickzack fahren, denn das lange Wochenende ist vorbei. Die Straßen sind wieder gut gefüllt, und in der Stadt ist ein wuseliges Gedrängel und Gehupe. Das gibt sich schnell, als wir die Stadt hinter uns lassen, auch der Regen ist bald wie weggeblasen. Im wahrsten Sinne, es windet ziemlich, je näher wir der Küste kommen.

Gibraltar

Die Spanier haben sich nach über 300 Jahren immer noch nicht mit dem Verlust von knapp 6 qkm Land abgefunden, das fällt deutlich auf. Nach Gibraltar gibt es bis kurz vorher keine Wegweiser, aber man sieht den „Rock“ bereits von weitem. Und erst als ich es mit eigenen Augen sehe, wird mir klar, warum dieser Felsen seit tausenden von Jahren diese Bedeutung hat. Die schmalste Stelle ist ja ein wenig weiter westlich, aber der Stein ist so ikonisch, den konnte man auf der Fahrt aus dem Mittelmeer heraus nicht übersehen!

Die Grenze ist sehr uneuropäisch und erzeugt Brexit-Gruseln, und überall im britischen Territorium wird man an die militärische Bedeutung erinnert. Kanonen hier, Mauern dort, und Bunker und Bastillions und Batteries.

Trotz zahlreichen Wegweisen darf man auf den Fels nicht hoch fahren, und so geht es heute nur an den Europa Point an der Südspitze. Die Hinweisschilder bewerben eine Kirche, doch auffällig ist die Moschee dort.

Die „Festung Europa“ wird deutlich dargestellt durch die dicke Kanone 400 Meter über uns, die auf den Kontinent auf der anderen Seite der Meeresenge zielt.

Die Stadt Ceuta gegenüber ist – Grenzen sind verwirrend – zwar in Afrika, aber gehört zu Spanien. Etwas größer als Gibraltar, aber wenig ikonisch und militärisch nicht ganz so wichtig dient die Inbesitznahme der Stadt vermutlich ähnlichen Interessen wie die Briten sie mit Gibraltar verfolgen.

Der Unterschied dürfte die Grenze sein. Die ist ja zwischen Gibraltar und Spanien schon gut gesichert, an der Grenze zwischen Ceuta und Marokko dürfte der Verkehr aber noch deutlich stärker reglementiert werden. Schließlich kann jeder, der die Grenze überschreitet Asyl beantragen, und so findet hier ein täglicher Kampf gegen die Menschen statt, die im Krieg um Nahrung und Ressourcen nicht mehr auf der Verliererseite stehen wollen.

Das schicke Schnellboot verkehrt zwischen Europa und Afrika. Damit wollten wir auch demnächst mal auf die andere Seite schauen, aber zuerst mal müssen wir Gabi wieder aufpäppeln. Die hat ausgerechnet an Ihrem Geburtstag ein böser Geist befallen, und am Abend liegt sie fiebernd im Bett. Dummerweise brauchen wir zu diesem Bett in der spanischen Grenzstadt La Linea – obwohl es nur 8km sind – über eineinhalb Stunden. Der Grenzstau geht inzwischen einmal quer über die Halbinsel.

Ernsthafte Empfehlung: Gibraltar nicht mit dem Auto besuchen, sondern zu Fuß, mit Mietrad oder einem der E-Roller, die in Spanien und Portugal inzwischen an jeder Straßenecke auf Mieter warten. Mit dem Auto ist man langsamer als zu Fuß.

Bei dem Gedanken an den harten Brexit wird mir schwindlig, das wird für die Menschen hier eine Katastrophe. Und ich schicke Kohl und Mitterand nochmal ein „Danke!“ hinterher, und hoffe, dass die Europäer nicht so schnell vergessen, was für eine dumme Idee Grenzen sind.

Einer der Gründe, warum ich so gerne reise und in die Ferne strebe ist, damit ich nie vergesse, dass die Menschen auf der ganzen Welt viel ähnlicher sind, als wir immer glauben. Menschen in Schubladen zu packen und „Inländer“ und „Ausländer“ drauf zu schreiben und zu behaupten damit wären die Einen wichtiger als die Anderen ist so schlau wie das nach Geschlecht, Rasse, sexueller Orientierung oder Länge der großen Zehen zu machen. Ich hoffe, die Zeit kommt, in der wir das überwinden. Ich träume nicht von einer Festung Europa, sondern von dem Tunnel unter der Meerenge von Gibraltar. Wohlstand auf beiden Seiten des Mittelmeers statt Leichen auf dem Grund desselben.

Amen.

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