Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Mit Schiffen radeln – Teil 3 – Abkürzen!

Ich überlege heute beim Frühstück lange, ob ich dem Main folge, oder quer über das Hochufer abkürze. Nach Würzburg 30km über den Berg oder 70km Schleifen folgen? Ich entscheide mich spontan für den Anstieg, ein bisschen Aussicht genießen. Die ist dann auch nicht übel, und wie überall wo es schön ist steht auch hier ein Domizil für Märchenonkel mit Hang zu kleinen Kindern.

Kleiner Einschub, weil ich es halt mal wieder loswerden muss:

Wie immer, wenn ich übers Land fahre gruselt es mich, dass überall wo man hinschaut Kreuze und Kirchen stehen. Ein bisschen Islamisierung wäre nicht schlecht, dann wäre wenigstens Abwechslung! Oder mal mit mehr Wissen statt Fake News probieren? Es gibt mehr Atheisten als Katholiken in Deutschland, darum baut Bibliotheken und Volkshochschulen statt Kirchen!

Oben kommt ein wenig Toskana-Feeling auf: Hoch und runter, hoch und runter. Es ist Montag, darum ist praktisch nichts mehr los, die Wochenendausflügler sind weg, und ab und zu ist es so still, dass das Geklapper des Rades ganz beruhigend ist.

Nach ein bisschen Erstaunen über die Wegeplanung nähere ich mich Würzburg. Der Radweg ist durch einen Absatz von der Strasse getrennt, und ich muss noch 500m weiter den Berg hoch, um dann 2m neben dem Anstieg wieder die selbe Strecke zurückzufahren, bis der Radweg einen Knick macht und die Strasse verlässt. Das macht … so gar keinen Sinn! Aber Radwege werden – das weiß jeder Radfahrer – auch nicht von den Leuten geplant, die sie danach auch benutzen. Vor und in Würzburg ist das besonders auffallend, ein nur 20m(!) langer Radweg an einem Viertel eines Kreisverkehrs ist die Perversion des Prinzips Radfahrer von der Strasse zu locken, nur um dann den Radweg nach oft nur wenigen 100m wieder auf die Strasse einzufädeln. Im besten Fall, oft verwandelt sich der Radweg auch stillschweigend einfach in einen Bürgersteig ohne Radspur, aber dafür mit jeder Menge unübersichtlicher Ausfahrten.

Als ich dann auch noch steil bergab um eine nicht einsehbare 90-Grad-Kurve in einen Tunnel geleitet werde, an dessen anderem Ende nach einem erneutem Knick eine steile Treppe mit so engen Kinderwagenstreifen ist, dass das Fahrrad kaum durchpasst, habe ich keine Lust mehr auf die Besichtigung der Stadt und fahre einfach so schnell wie möglich wieder raus.

Der Weg am Main ist nun ganz lang eingepfercht zwischen Bäumen auf beiden Seiten mit wenig Sicht auf den Fluss. Nicht mal die Vögel haben eine Übersicht, denn nur 2-3 Meter vor mir schießt ein Bussard plötzlich aus den Bäumen und biegt vor mir auf den Radweg ein. So nahe sind die Vögel ganz schön groß, ich bin ordentlich erschrocken!

Ein Umweg über die Brücke zu einem Radladen soll mir eine neue Radlhose bringen, aber der Laden hat leider keine Bekleidung. Meine Hose ist schon einige Jahre alt und ziemlich durchgesessen, es sitzt sich etwas unangenehm, und an den Handballen beginnen auch Druckstellen zu wachsen. Vielleicht ärgere ich mich deshalb heute unnötigerweise über Dinge, die ich nicht ändern werde.

15km nach Würzburg wird mir langweilig, immer nur durch Alleebäume wird langweilig, und ich biege links ab. Wieder Abkürzung über den Berg, und hier ist es noch einsamer als vor Würzburg. Der Weg führt abwechselnd durch Felder und Wälder, und ich habe einen guten Tretrhytmus gefunden. Nur an einer Stelle muss ich absteigen, auch um Fußsohlen und Po mal wieder zu durchbluten.

Der Weg ist wunderschön, und außer meinem Schnaufen und dem Surren und Klappern meines Rades ist absolute Stille. Mittags ist selbst der Wind weg, die leichten Wolken des Vormittags verschwunden, und die Sonne brennt wunderbar herab. Meist moderate Anstiege und schöne flache Abfahrten wechseln sich ab, die Muskeln sind warm, ich komme gut voran. Bei Homburg geht es wieder zum Main herab. Und wie es abwärts geht! Ich fahre Schlangenlinien um die Bremsen zu schonen. Auf halber Höhe ist eine einladende Wirtschaft, aber ich würde lieber unten am Ufer in einem Weingarten sitzen.

Also weiter herab und auf den Mainradweg zurück. Offensichtlich kürzen aber zu viele Radler hier ab und fahren keine Flußmäander nach. Die Infrastruktur ist deutlich weniger ausgebaut, es dauert ein ganzes Stück bis wieder eine Wirtschaft auftaucht. Ich verlasse nun auch kurzzeitig Bayern, linksmainisch ist das Baden-Württemberg:

Ich verlasse Bayern kurz

Inzwischen habe ich 70km auf dem Tagestacho und langsam auch Hunger, somit biege ich freudig in den Campingplatz ein, der außen am Radweg den Biergarten bewirbt.

Das Lächeln friert aber sofort ein, hier schwebt der Geist der CSU/AFD deutlich sichtbar. An fast jedem Wohnwagen Deutschlandflaggen, ein großer Deutschland-Schal am Biergarten, Tennissocken über Sandalen und dicke Plauzen hängen unbedeckt über der viel zu engen Plastik-Short. Fast alle drehen sich zu mir hin, aber keiner lächelt. Die Einzige, die mich nicht beachtet ist die Bedienung. Ich passe sie ab, und frage sie, ob ich hier meinen Akku laden könnte. Unfreundlich wirft sie mir ohne Blickkontakt hin: „Wenn’s sein muss, kostet aber 2 Euro!“ .

Ich sehe, hier bin ich nicht willkommen, steige wieder auf den Drahtesel und fahre weiter. Die nächsten zwei Gaststätten haben Ruhetag, und erst über 10km weiter in Wertheim habe ich Glück. Inzwischen ist es fast halb Drei, und ich habe guten Hunger. Der Italiener macht gerade zu, aber nebenan im Hotel kriege ich noch was. Eine große Portion Schnitzel – es ist ja Schnitzelmontag – lässt allerdings auf sich warten, ich brauche über eine Stunde, bis ich wieder weiter fahren kann.

Nun liegt das Schnitzel schwer im Magen, und es geht quälend voran. Nach Wertheim geht es wieder nach Bayern, aber der Grenzübertritt ist schwierig:

Schon ohne Gegenverkehr eng

Der für den Verkehr freigegebene seitliche Brückenstreifen, über den der Radweg geht ist weniger als einen Meter breit. Ich kann mir Zeit lassen, an dem Fußgänger vor mir komme ich eh nicht vorbei. Fast am anderen Ufer angelangt kommt mir eine Familie mit Kinderwagen entgegen. Mit Absteigen und Packtaschen umklappen passt der schmale Buggy gerade so durch, aber anstatt sich zu bedanken, dass ich mir viel Mühe gebe Platz zu machen, ernte ich nur einen bösen Blick und werde angerempelt. Der junge Radfahrer, der dann nach der Mutter als Bonuslevel auftaucht ist freundlicher, er lupft sein Fahrrad hoch und bedankt sich ebenso bei mir wie ich bei ihm.

Der weitere Weg zieht sich, und ich bin für den Abend mit einem lieben Freund verabredet. So entscheide ich mich nach der vierten oder fünften Biegung dafür erneut abzukürzen. Die Kraft ist zwar nicht mehr so da wie vor dem Mittagessen, aber eine Stunde Zeitersparnis lockt bei Blick auf Uhr und Fühlen auf die Druckstellen hinten.

Ob das die beste Entscheidung war weiß ich nicht, es geht über einen steinigen Waldweg erst steil, dann noch steiler bergauf. 300 Höhenmeter klangen von unten machbar, aber ich hechle und schwitze und stöhne.

Der flachste Teil des Aufstiegs

An einer flachen Stelle steige ich ab und versuche zu Atem zu kommen. Verdammt, das war eine saublöde Idee! Der Schweiss lockt als Zugabe auch noch die dicken Bremsen an, aber ich erschlage glücklicherweise alle, bevor sie zubeissen können. Eine saß vorher schon an einem gut gedeckten Tisch, bevor sie sich in mein Gesicht setzt. Als ich meine Hand nach der Ohrfeige, die ich mir selber gebe wieder wegziehe, ist sie ganz schön blutig. Ich muss mehrere Male nachstreifen, bis ich wieder sauber bin. Ab hier muss ich das schwer bepackte Rad schieben, und als ich endlich laut schnaufend oben ankomme habe ich blutverschmierte Beine. Drecksvieher, diesen Kampf habe ich gewonnen!

Auf der anderen Seite geht es rollend bergab, und vielleicht 50 Meter vor mir kreuzt ein Reh den Weg galoppierend. Es erschrickt, als es mich bemerkt und achtet nicht auf den Weg. Es strauchelt, kann sich aber fangen, und saust den steilen Abhang herab. Ein Glück, ich wollte jetzt nicht das Reh auf dem Gewissen haben, wenn das hier mit vollem Tempo den Berg runtergepurzelt wäre!

Die Navigation ist dank Tante Google meist gut, aber manchmal muss ich alternative Routen nehmen. Zum Beispiel hier:

Da soll ich wieder runter?!

Niemals fahre ich dort mit meinem schwer bepackten Tourenrad runter! Glücklicherweise ist der Umweg erstens schnell gefunden und zweitens kurz; ich will endlich in den nächsten Ort, wo hoffentlich wieder Handyempfang ist und ich eine Unterkunft buchen kann!

Ein dritter Tierbesuch nach Bussard und Reh ist dann kurz vor meinem Quartier Meister Lampe. Kein ordinäres Karnickel, sondern ein richtiger Hase, deutlich größer als eine Katze beobachtet mich gelangweilt, als ich auf der Straße vorbei rolle.

Mein zugegebenermaßen unrealistisches Tagesziel Aschaffenburg habe ich nicht erreicht, aber 125km und über 1000 Höhenmeter sind finde ich ganz annehmbar. Der dicke Mann ist stolz auf sich, auch wenn das morgen Muskelkater geben wird! Das nächste Etappenziel ist nun Frankfurt, 75km sind es noch. Wie mit einem Kollegen ausgemacht zum Mittagessen wird aber denke ich sportlich. Morgen mal eine kurze Etappe, übermorgen wieder Strecke.

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