Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Mit Schiffen radeln – Teil 1 (Oder: Menschen – Man muss sie einfach lieb haben!)

Das Wetter ist sommerlich schön, ich habe noch Urlaub über, und meine Frau leider keinen mehr, neues Auto. Das schreit ja geradezu nach Road Trip!

Darum lasse ich das Auto in der Garage und schwinge mich auf mein Rad. Die Abfahrt ist verspätet, erst muss noch das alte Auto verkauft werden, dann muss ich nochmal umdrehen. Kulturbeutel mitnehmen wäre auch keine ganz dumme Idee, wenn man eine Woche weg sein will. Dieser Alzheimer immer!

Es beginnt langweilig, ich fahre meinen Arbeitsweg, stoppe aber kurz bevor ich den markanten Check24-Tower erreiche schon am Hauptbahnhof. Die Idee war, von Regensburg aus dem Main-Donau-Kanal zu folgen und dann einfach weiter am Fluss Richtung Nordsee zu navigieren. Nur: Wegen der Kulturbeutelaktion verpasse ich den Zug um 5 Minuten, und der Nächste fährt erst in zwei Stunden. Kurzentschlossen springe ich in den RE nach Nürnberg, die Gegend um Regensburg habe eh ich schon mehrfach und erst vor Kurzem beradelt.

Im Zug lief wie immer eine Live-Seifenoper: Ein Mitreisender hatte keine Fahrradkarte, weil er es nicht geschafft hat die über Handy zu buchen – Ich übrigens auch nicht, das geht nämlich nur am Automaten (#Neuland). Der Schaffner und ein sich korrekt deutsch einmischender Passagier erklären dem bösen Schwarzfahrer, dass das eine Unverschämtheit von ihm sei.

Und nur weil er sofort auf den Schaffner zugegangen war und ihn gefragt hat, wie er denn das Fahrradticket buchen könne, lasse er nochmal Gnade vor Recht ergehen und kassiere nur statt 5,50€ den erhöhten Satz von 7,50€, und nicht noch den Schwarzfahrerzuschlag von 60€. Das findet der mitdiskutierende Passagier daneben total unfair, so würde es das Pack nie lernen! Schließlich entschuldigt sich der Schaffner bei dem Passagier ohne Fehl für seine Regelwidrigkeit, belässt es aber bei 2€ Strafe.

Das nächste Pärchen hat seine eigene Geschichte dabei: Die Beiden waren in Italien, und dort war Streik. Somit haben sie fast einen Tag Verspätung, und die Italiener haben ihnen nicht bestätigt, dass aufgrund von Streik der Zug Verspätung hat, die Österreicher fühlten sich nicht zuständig, und nun ist der deutsche Schaffner dran. Der weiß ebenso wenig, wie er nun helfen soll, und schließlich sind alle glücklich, als er sagt, dass wenn er das Ticket stempelt Datum und Uhrzeit drauf stehen.

Nächstes Opfer ist eine ältere Dame, die der Schaffner anschnauzt, warum Sie in diesem Zug sitzt – sie habe doch ein Ticket für den EC, und fährt nun im Regionalexpress. „Sie könnten jetzt schon zu Hause sein!“, fährt er sie an, und die Dame ist total eingeschüchtert. Als der Schaffner weiter geht, blickt sie verzweifelt zu mir rüber, weil sie nicht verstanden hat was los ist – „ich fahre doch das erste Mal Zug!“. Nach der Erfahrung wird es wohl auch das letzte Mal sein. Ich beruhige sie kurz, dass alles in Ordnung sei, und setze meine Kopfhörer wieder auf.

Als wir das Altmühltal durchqueren, setze ich sie wieder ab und schaue mich um. Mir gegenüber sitzt ein etwas ungepflegter Endfünfziger mit einer schwarzen Frau, die mindestens 15 Jahre jünger ist. Sie spricht gebrochen Deutsch, und er redet ohne Pause auf sie ein. Offensichtlich kommen sie vom Flughafen, und sie seine Neuerwerbung. Nun wird sie das erste Mal ins gelobte Land geholt!

Er spricht mit Ihr wie mit einem kleinen Kind und gibt an, dass sich die Balken biegen. Sein Unternehmen mache Milliardenumsätze, und er habe ein Traumhaus in einem der nächsten Orte, sie werde schon sehen, dass sie sich da wohlfühlen werde. Dabei grinst er sie die ganze Zeit so lüstern an, als ob er noch im Zug über sie herfallen wolle. Romantik! …sieht anders aus.

Als ich Viertel nach Zwei in Nürnberg endlich aus dem Zug steige geht es so zu, wie es sich für einen sonnigen Samstag gehört, und nicht nur in der Innenstadt ist Stau auf den Radwegen.

Nichts wie weg hier! Ich hatte noch überlegt bei meiner Tante vorbei zu schauen, aber nach verspäteter Abreise will ich jetzt endlich fahren, fahren, fahren!

An der Pegnitz entlang geht es raus aus der Stadt Richtung Fürth, und auch hier fahre ich oft Schlangenlinien um andere Radler und Spaziergänger.

Kurz nach Fürth sehe ich zwischen Fluss und Radweg im hohen Gras eine junge Frau, die mit geschlossenen Augen und verklärtem Gesichtsausdruck in der Wiese hockt und – es erscheint fast sinnlich – langsam den Körper bewegt. Ich vermute erst, dass sie etwas von dem Rasen in eine Zigarette gepackt hat!

Aber nur bis ich entdecke dass unter ihrem langen, ausgebreiteten Rock ein Kerl rauskuckt! Er hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt und lächelt ebenfalls mit geschlossenen Augen und sehr zufriedenem Gesichtsausdruck.

Auch wenn das ein Weltklasse-Foto abgegeben hätte, den Beiden lasse ich Ihre Privatsphäre und radle schnell wieder. Sofern man neben einem zugegebenermaßen jetzt nicht mehr ganz so sehr befahrenem Radweg von Privatsphäre sprechen kann. Es ist doch schön, wenn Menschen die Natur genießen, oder? Es ist zwar nicht mehr Frühling, aber die Hormone scheinen immer noch wild zu schäumen!

Kurz nach Erlangen-Bruck – hier muss ich natürlich die Hymne des Ortes hören – erreiche ich den Kanal an der Erlangen-Schleuse.

Nicht nur an der Schleuse, auch die folgenden Kilometer ist auf dem Wasser absolut tote Hose. Ich habe schon gelesen, dass die Auslastung die letzten Jahre zurück gegangen ist, aber dass hier gar keine Schiffe fahren? Vielleicht ist Wochenendfahrverbot?
Dafür sind Trekker unterwegs, zwei davon liefern sich ein Wettrennen und biegen glücklicherweise vor mir ab. Der Weg ist hier eng und hat große, scharfkantige Kiesel, hier brauche ich keine Querschläger.

Der hintere Traktor hat ein Handicap und wird darum abgehängt!

Bei Forchheim verlasse ich den Kanal, ich hatte kein Mittagessen und der Hunger regt sich. In der wunderschönen Altstadt gibt es nicht nur ein leckeres Eis und schöne Häuser, sondern auch ein kleines Tollwood. Allerdings kostet der Markt Eintritt, und es ist zu eng um das bepackte Rad durch zu schieben.

Nach dem Ort entdecke ich schließlich doch ein einsames Schiff auf dem selben Weg wie ich:

Das einzige Schiff heute

In Hirschaid, ein paar Kilometer vor Bamberg, finde ich ein günstiges Hotel. Eigentlich würde ich gerne noch ein Stückchen weiter fahren, aber in Bamberg kostet es das Doppelte, und so ist heute schon nach 70km Schluss – plus 200km Bummelzug.

Gegessen wird amerikanische Traditionsküche, denn das Hotel liegt im Gewerbegebiet neben Takko, Kik und den anderen Verramschern, und somit ist hier auch ein Börgerbrater mit gelbem Doppelbogenlogo.

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