Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Mingrelien

Das Wetter ist hier zur Zeit sehr berechenbar: Nachts regnet es, im Laufe des Vormittags klar es auf, und dann ist schönes Wetter. So auch heute: Als wir aufbrechen, ist es grau und nieselig. Zuerst wollen wir uns den Park und die Badehäuser in Zqaltubo anschauen. So spannend ist das allerdings nicht, und wie auch sonst überall ist keine Saison. Nichts los, nichts geputzt.

Unser Ziel heute ist der Canyon bei Martvili. Hier kann man Schlauchboottouren machen oder einfach wandern. Als wir ankommen, hat es sich allerdings gerade richtig schön eingeregnet, und das Visitor Center, dass diesen Monat eröffnet werden soll, ist noch im Rohbau. Sehr schade, auf den Bildern sah das spannend aus. Aber im strömenden Regen über matschige, rutschige Wege ins Tal abzusteigen wollen wir dann doch nicht.

Also fahren wir durch lauter kleine Dörfer weiter. Hier ist es extrem bäuerlich, der Großteil der Menschen scheint von Viehhaltung zu leben. Industrie sehen wir keine, Büros erst recht nicht. Dafür überall freilaufende Tierhaltung – Massentierhaltung ist hier kein Thema. Die Kühe, Schweine, Gänse laufen frei durch die Orte. Große Tiere sind mit Ohrmarker gekennzeichnet, woher die Leute wissen, wem jetzt die Gans oder der Truthahn gehört ist unklar. Scheinbar wissen die Tiere, in welches Grundstück sie Abends zurück kommen müssen, teilweise laufen weit außerhalb der Orte markierte Tiere herum. Erstaunlich, dass hier der „Schwund“ durch Diebstahl oder entlaufene Tiere scheinbar kein Problem ist.

Der Regen will nicht aufhören, und auch die Tiere sind genervt. Die Kühe stellen sich sogar in Bushaltestellen unter.

Eine Burgruine auf dem Weg liegt auf einem Hügel, erst im dritten Anlauf finden wir die richtige Strasse, die bis fast oben geht. Das letzte Stück ist allerdings so schlammig, dass auch zu Fuss kein Weg nach oben führt. Wir sind dann auch ganz froh, dass wir es nicht probiert haben, denn kurz darauf beginnt es erneut richtig heftig zu regnen. Dafür haben wir wenigstens den Friedhof des Ortes besichtigt. Die Gräber werden in Georgien überall eingezäunt, vermutlich wegen des frei laufenden Viehs: Kuhfladen auf Marmorgrab ist nicht so schön. Warum jedoch jedes Grab einzeln eingezäunt ist, haben wir nicht herausgefunden.

Als es wieder aufhört zu regnen, halten wir an einer zweiten Ruine: Ein weiteres Badehaus – schließlich heißt der Landesteil „Mingrelien“ – zu deutsch: „Land der tausend Quellen“. Das Haus ist bereits einige Jahre verwaist, die meisten Dächer eingestürzt. Einige Badewannen liegen noch rum, und man erkennt noch, wie es früher aussah. Ein rundes Foyer zur Begrüßung, dann ging es rechts und links einen Gang entlang, der zu den Kabinen führte. Jede Kabine hatte einen Umkleideraum und anschließend einen Raum, in dem die Wanne stand. Zu einer Zeit, in der es fließendes Wasser nur im Bach gab, war das sicher der Luxus pur.

Am Nachmittag erreichen wir dann den vermutlich westlichsten Punkt unserer Reise: Anaklia, ein Badeort am schwarzen Meer. Pünktlich zur Ankunft kommt auch endlich die Sonne ein bisschen raus – der Regen war heute deutlich hartnäckiger. Gabi ist entzückt („Das Mare! Endlich!“), doch der Ort scheint seine Hochzeit hinter sich zu haben. Nur einen Kilometer nördlich ist die Grenze zu Abchasien, einem der beiden abtrünnigen Landesteile, die sich von Russland unterstützt unabhängig erklärt haben. Wir vermuten, dass das den Tourismus hier im Ort weitgehend zerstört hat. Die eigentlich ganz schicken Hotels wirken vernachlässigt, ein chinesisches Pagodenrestaurant am Strand ist verlassen und verfällt. Selbst wenn der Ort in der Saison herausgeputzt wird, ein Must-Visit ist das nicht. Die Hotels sind teuer, das Guesthouse finden wir nicht, obwohl sein WLan im Handy auftaucht.

Allgemein fällt auf, dass Werbung hier sehr wenig zu sehen ist. Einerseits ist das angenehm, andererseits wäre es manchmal ganz schön, wenn Lebensmittelgeschäfte, Guesthouses, Werkstätten, etc. auch von außen als solche zu erkennen wären. Aber solange die Kundschaft praktisch ausschließlich lokal ist, und jeder sowieso weiss, wo der Bäcker ist, ist das wohl nicht notwendig.

Eine Werkstatt brauchen wir heute, ein Reifen verliert langsam, aber stetig Luft. Ein Mann in der kleinen Reifenwerkstatt versteht glücklicherweise ein wenig Englisch, und erklärt mir, dass er das für 50 Lari reparieren kann. Ich frage ihn, ob ich bei ihm telefonieren könne, das soll die Mietwagenfirma zahlen. Mit meinem Handy kostet ein Anruf aber fast drei Euro pro Minute. Leider hat er kein Telefon, und ich versuche dann wenigstens den Preis zu drücken: Ob er es denn auch für 30 Lari machen würde? Er versteht nicht, warum ich so viel diskutiere, bis er dann lacht: Nein, das kostet nicht 50 Lari, sondern 5! Wir grinsen uns an und schütteln die Hände: Deal. Die Reparatur ist interessant: Er sticht erst mal das Loch größer, dann wird ein Stück Gummi dort reingestopft, das wie Hundeleckerli aussieht. Was übersteht wird mit der Schere abgeschnitten, dann schwarze Farbe druff, fertig. Mal sehen, wie lange das hält, aber 20 Kilometer später ist bereits nichts mehr zu sehen von den zwei Löchern. Cool!

Nachdem wir in Anaklia keine Unterkunft finden, geht es wieder weg vom Salzwasser ins Landesinnere. In Zugdidi wird es urbaner, der Ort ist relativ schick und modern. Es gibt sogar einen McDonalds, obwohl Fast Food in Georgien (noch?) keine weite Verbreitung hat. Leider gehen wir dort rein, kurz darauf entdecken wir einen georgischen Burgerbrater, der auch lokale Gerichte wie Khachapuri führt.

Auch hier finden wir das Guesthouse nicht, und das Hostel für 40 Lari mit Gemeinschaftsdusche in einem anderen Stockwerk sagt uns nicht so zu, wir legen 20 Lari drauf und gönnen uns das „Luxus“-Zimmer im Hotel am Platz. Auf der Suche nach dem Guesthouse kommen wir am lokalen Friedhof vorbei, auf dem die Kuh die Blumen frisst, die im Mülleimer gelandet sind. 🙂

Dem Ort scheint es übrigens nicht schlecht zu gehen, überall parken Luxusschlitten. Während vor McDonalds noch Benz und BMW abwechselnd stehen, sind es beim anderen Burgerbrater nur noch Benz: Fünf Sterne auf einem Bild. Gut für die deutsche Autoindustrie, aber ob es nicht sinnvoller wäre, das Geld im Land zu investieren? Hier in Zugdidi ist es ein wenig besser, aber in den Dörfern scheint niemand einen Blick für Schönheit zu haben. Hier ist alles nur zweckmässig, wenn das Haus vier Mauern und ein Dach hat ist es genug. Schön muss es nicht sein. Und wenn es schön ist, dann muss es nicht gepflegt werden – es stehen so viele alte Herrenhäuser total verfallen herum. Das ist schade.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2019 Unterwegs

Thema von Anders Norén

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen