Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Letzter Tag, rund um Tiflis

Unser letzter voller Tag in Georgien, und das Land gibt noch mal Vollgas bei der Abschiedsvorstellung.

Der Tag beginnt mit traumhaften frühsommerlichen Kurze-Hosen-Wetter und weissen Wattebäuschen am blauen Himmel. Wir haben einen Tag gut, da das mit dem Badetag in Batumi ja ins Wasser gefallen ist. Das wollen wir noch mal für einen Rundumschlag nutzen mit Sachen, die wir bisher ausgelassen haben.

Es geht über die Autobahn Richtung Tiflis zurück, und immer wieder stehen dort verführerische Nachrichten: Baku 800km, Teheran 1290km, … Nein, wir müssen jetzt ganz stark sein! Dienstag müssen wir wieder arbeiten, außerdem braucht man da überall ein Visum. Schade eigentlich – will nicht doch jemand mich für das Bloggen bezahlen, es gibt noch so viel zu sehen!

In Mtsheka, kurz vor Tiflis, waren wir schon, aber oben am Berg steht eine orthodoxe Kirche mit Aussicht. Das letzte Mal war es wolkig, jetzt wollen wir die Aussicht sehen. Oben reiht sich Reisebus an Reisebus, das ist eine sehr alte, wichtige Kirche, und eine Schulklasse ist ebenso dort wie mehrere Busladungen russische Touristen. Und die obligatorischen bettelnden alten Frauen.

Die Aussicht ist schön, die Kirche eher schlicht. Was ganz nett ist, ist der einzelne Lichtstrahl, der durch das fast höhlenartige Innere genau auf das Kreuz trifft. Raffiniert gebaut. Ich muss schmunzeln – „Siehst Du dieses Licht, Elwood?“

Auf dem weiteren Weg nach Tiflis werden wir zwei Mal von einer Schafherde ausgebremst. Eine Schafherde wird eiskalt den Highway entlang getrieben, noch aus weiter Entfernung sehen wir den Rückstau, der sich hinter der Herde bildet.

Tiflis liegt lang gestreckt entlang des Mtkvari-Flusses, und hat sich gen Norden inzwischen schon 15km von der Altstadt weg ausgebreitet. Hier, am nicht ganz 1km langen White Lake liegt die Gldani-Siedlung, eine Hochhauswüste rechts und links eines 100m breiten Streifens mit Vergnügungspark, topmoderner Shopping Malls und vielen kleinen Läden. Auch hier sieht man den Versuch, ein Problemviertel zu verbessern – Aufbruchstimmung, wie überall im Land.

Es wird dunkel, ein Gewitter zieht auf, und als wir vom White Lake zum Tbilisi Reservoir gefahren sind, blitzt und donnert es bereits. Das Reservoir ist ein über 7km langer See im nordöstlichen Nachbartal, und wird auch Tifliser Meer genannt. Am nördlichen Ende des Sees ist das monumentale „History of Georgia“-Denkmal. Es ist noch nicht ganz fertig, einige Fresken fehlen noch, aber man kann es bereits besichtigen, und hat eine schöne Aussicht über die Neustadt, aber auch bis zu dem Fernsehturm über der Altstadt. Und natürlich über den See. Das Denkmal ist wuchtig; schwarze, mit Fresken verzierte Quader stapeln sich hier, ich muss an das Spiel Jenga denken. Wie immer in Georgien darf der religiöse Aspekt nicht fehlen, die 13 assyrischen Väter, die den Glauben in Georgien gestärkt haben sollen, fehlen ebensowenig wie die Kirche neben dem Monument.

Der Wichtigste der Väter war David, der in der Wüste Garedsch ein Kloster gebaut hat – dazu weiter unten mehr.

Wir fahren ein Stückchen das „Meer“ entlang, dort finden wir einen Wasserrutschenpark mit Dino-Themenhotel. Über den Hügel geht es nach Tiflis, und entdecken ein sehr schönes, italienisch wirkendes Viertel.

Das auf dem letzte Bild ist übrigens eine Polizeistation. Im Zuge einer Korruptionsbekämpfungs- und Transparenzinitiative sind die jetzt alle „transparent“, um auch nach außen zu symbolisieren, dass Korruption nicht mehr geduldet wird. Finde ich eine tolle Sache!

Richtung Süden geht es aus der Stadt wieder heraus. Die Strasse ist nur langsam und mit vielen spontanen Richtungswechseln zu befahren, da komplett pockennarbig mit Schlaglöchern durchzogen. Ein ganzes Stück außerhalb der Stadt bessert sich die Strasse ebenso wie das Wetter, aber das Auto fährt plötzlich so schwammig.

Der rechte Hinterreifen ist es diesmal, komplett platt. Die Reifen sind einfach weit über der Regellebensdauer und auf einen Millimeter Stollentiefe abgefahren. Gut, dass wir einen Ersatzreifen hinten dran haben. Blöd, dass das Werkzeug dazu fehlt. Nach 5 Minuten kommt ein Auto vorbei, die Insassen Aycan und Ali können zwar mehrere Sprachen, aber keine, die wir verstehen. Irgendwie verständigen wir uns doch, und die beiden haben auch Wagenheber und Radmutterschlüssel dabei. Der Schlüssel passt nur nicht auf die Muttern des Mitsubishi, aber sie rufen einen Freund an, der zügig vorbei kommt und ratzfatz mit uns den Reifen wechselt.

Wir versuchen uns mit Händen und Füssen zu verständigen, und erfahren, dass die beiden aus dem nur wenige Kilometer entfernten Aserbaijan sind, aber in Georgien arbeiten. Ali ist Fussballfan, und sagt strahlend: „Allemania! Schweinsteiger! Thomas Müller!“. Glücklicherweise weiß ich, dass es sich dabei um Fussballer handelt, und nicke freundlich. Außerdem erfahren wir, dass Aserbaijanisch dem Türkischen ähnlich ist, und kein arabischer Dialekt, und dass Armenier blöd sind.

Wir fotografieren uns gegenseitig, und verabschieden uns herzlich. Danke! Ihr seid prima!

Der Ersatzreifen ist auch nicht wirklich fabrikneu, und so fahre ich den Rest des Tages noch vorsichtiger als sonst. Auch wenn es die nächsten 30 Kilometer echt schwer fällt: Der Weg führt an der georgisch-aserbaijanischen Grenze entlang durch ein hügeliges Grasland, dass außerhalb der Regenzeit eine Wüste ist. Die Piste sind mehrere Fahrspuren nebeneinander, die man frei wählen kann. Oder man fährt einfach daneben durch das Gras und gründet eine neue Spur, wenn die alten zu tief ausgefahren sind – den Eindruck vermitteln die Spuren jedenfalls.

An einem Fort der georgischen Armee mit Schießübungsplatz vorbei geht es über wellige Hügel vorwärts, links wird das Tal immer tiefer, rechts der Bergrücken immer schroffer. Irgendwann kommt dann die von Norden kommende Strasse dazu, die wohl der von den Touristenbussen benutzte Weg ist, und dann sind wir auch schon da.

David Gareji heisst das Kloster nach dem assyrischen Vater David, und die aktuell grasbedeckte Wüste heisst Garedsch. Das Kloster ist wie Uplistsikhe in den Stein gehauen, aber im Gegensatz dazu immer noch in Benutzung. Da es direkt auf der Grenze liegt, gibt es immer wieder Streit zwischen Aserbaijan und Georgien um die Anlage. Man kann nur einen kleinen Teil besichtigen, aber der wirklich spannende Teil an dem Kloster ist für mich sowieso die Natur außen herum. Der gestreifte Sandstein im Tal, dazu das Grün der Wiese und der wunderschön blaue Himmel sind viel interessanter als die Ikonen in der kleinen Kirche des Klosters. Der weite Weg hier raus hat sich alleine schon wegen der Landschaft gelohnt.

Zurück nehmen wir die größere Strasse nach Sagarejo, auch wenn sie 25km weiter ist – noch mal die Buckelpiste wollen wir den Reifen nicht antun. Von Westen zieht bereits seit einiger Zeit die nächste Gewitterfront herbei, und die Kühe, die neben der Strasse grasen werden sichbar nervös. Das Gewitter bricht mit einem Schlag an, heftiger Wind kommt auf, waagrecht fliegen dicke Tropfen auf die Strasse, und zerplatzen spektakulär. Nach wenigen Sekunden ist die Sicht gleich Null, wir müssen komplett stehen bleiben. Dann kommt Hagel dazu, und wir bedauern die Schaf- und Kuhherden, die diesem schutzlos ausgeliefert sind. Nach nur ein paar Minuten klart es wieder auf, der Bach auf der Strasse versiegt, der Wind verschwindet komplett, und wir können weiter fahren. Kurz darauf erinnert nur noch der Regenbogen an das Unwetter, es scheint wieder die Sonne als wäre nichts gewesen. Ein tolles Naturschauspiel hier in der sowieso schon sagenhaft schönen Landschaft – Wie gesagt, heute am letzten Tag lässt Georgien es noch mal richtig krachen!

Wir fahren jetzt wieder auf dem Kakheti Highway zurück Richtung Stadt. Zum Abendessen kehren wir in ein Restaurant ein, vor dem viele einheimische Autos stehen. Dort sind wir aber sichtlich unerwünscht, das Essen ist zwar gut, aber wir werden in ein eigenes Zimmer gesetzt und schnellstmöglich wieder verabschiedet. Touristen scheinen hier unerwünscht zu sein – das passiert uns in Georgien das erste Mal, ansonsten waren alle Menschen freundlich und interessiert.

Da unser Flug schon vor 7 Uhr startet und wir um 4 Uhr das Auto zurück geben wollen, haben wir geplant erneut im Auto zu übernachten. Wir fahren auf einen der Hügel über Tiflis als die Sonne untergeht – ein letzter Blick über diese schöne Stadt. Dummerweise geht am Auto schon wieder nur das Standlicht – damit hatten wir vorher schon Ärger, mal geht das Licht, dann wieder nicht. Wir wollen nicht mitten in der Nacht ohne ordentliches Licht zum Flughafen fahren, also drehen wir um, und fahren mit dem nicht sehr hellen Fernlicht zum Flughafen. Wir geben das Auto zurück, und ich zeige mich unzufrieden mit den vielen Macken des Wagens, der inzwischen 135.000km auf dem Tacho hat – etwas über 2000 haben wir dazu gegeben.

Natürlich geht jetzt – Vorführeffekt – das Licht wieder tadellos, aber wir einigen uns darauf, den Ärger, den wir mit dem Wagen hatten, mit der abgeknickten Leiste auf der rechten Seite, die wir bei der „Strasse“ gestern verursacht haben zu verrechnen.

So sitzen wir jetzt im Abflugterminal und warten auf den Flieger morgen früh, und ich kann es noch gar nicht glauben, dass es bereits wieder nach Hause ins kalte Deutschland gehen soll. Andererseits, eine ordentliche Dusche, ein bequemes Bett und Strassen ohne Schlaglöcher haben auch ihren Reiz. Und das Rauchverbot in Gaststätten, wegen der bequemen Sitzbänke sind wir im Burger King eingekehrt, und in den Nachbarsitzgruppen wird ausgiebig gequalmt. Igitt!

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