Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Kreuz und quer durch Tiflis

So sieht Aufbruch aus!

Tiflis muss einmal eine wunderschöne Stadt gewesen sein. Die teils restaurierten, teils verfallenen Ruinen des alten „Tbilisi“ sind vielfältig: Orientalischer Einfluss, französische Romantik, wienerisch anmutende, rosafarbene Bauten. Balkone wie in New Orleans – in etwa dem selben, nicht TÜV-geprüftem Zustand.

Nachdem die Perser vor 200 Jahren die Stadt dem Erdboden gleich gemacht hatten, haben die neuen russischen Besatzer die Stadt wieder neu erbauen lassen. Die Pracht und der Reichtum verflossen scheinbar über die Jahre, und 2002 rüttelte die Macht der Natur den Ort noch mal gründlich durch. Auch heute sind noch viele der durch das Erdbeben beschädigten Häuser sichtbar.

Heute weht der Wiederaufbau durch jede Strasse: Glas- und Stahlbauten werden hochgezogen, überall wird geschäftig gebaut und renoviert. Riesige, tourismusträchtige, teils schöne, teils gruselige Neubauten an jeder Ecke. Die geschwungene Friedensbrücke verbindet den Rike-Park unterhalb des Präsidentenpalastes mit der Altstadt. Im herrlich chaotisch angeordneten Park liegen zwei riesige wurstförmige Glasmonster – Konzerthalle und Ausstellungssaal. Über die Brücke gehen wir Richtung Altstadt, und neben dem blinkenden Kasino mit dem Riesenbildschirm vor dem Eingang stehen einsturzgefährdete, hässliche Häuser.

Ein paar Schritte weiter, und wir sind in der voll auf Touristen eingestellten Altstadt. Erst geht es durch Lokale für jeden Geschmack, von der Vinothek bis zum angeblichen Spezialitätenrestaurant und dem coolen „KGB“. Es schließt sich eine Allee mit allerlei kleinen Läden an, von der schicken Espressobar über die christlichen Devotionalien bis zur Thaimassage ist alles vertreten.

Danach wird es größer, der Freedom Square mit Kreisverkehr ohne sichtbare Verkehrsregeln ist umringt von westlichen Läden: Burberry, Dunkin Donuts und Subway, später Hugo Boss und McDonalds. Und Heldenstatuen – Georgien hat scheinbar mehr Helden hervorgebracht als der Rest der Welt versammelt. Überall schauen große Köpfe auf Dich herab! Und dazwischen neuere, kleinere Menschen: Entlang der Strasse stehen kleine Bronzefiguren mit grotesk überzogenen Gestalten herum, und karikieren die gediegenen Marmorköpfe.

Der Verkehr ist üppig, und durch wenige Ampeln gebremst. Strassen zu überqueren ist abenteuerlich, deshalb gibt es viele Fußgängertunnel. In mehrfacher Hinsicht tolle Idee: In den Tunneln sind kleine Geschäfte. Während woanders enge, dunkle Tunnel oft beängstigend erscheinen, kann man hier ohne Scheu unter den Strassen queren.

Immer wieder Gegensätze: Kaputte Gehwege, bei denen man besser immer hin schaut ob auch alle Kanaldeckel noch da sind, vor schön restaurierten Häusern, die stilmässig nach K&K Monarchie schreien. Verfallene Hochhäuser, davor eine in einen Grashügel übergehende Paulaner-Wirtschaft, die Hundertwasser zum Strahlen bringen würde. Bettelnde, zahnlose Frauen mit Baby im Arm – ein Whiskyladen, in dem man Flaschen für mehrere hundert Euro erstehen kann (Wir haben nur eine Kleine für unter 10 Euro erstanden).

Aber auch wenn es erschreckend viele Bettler und wirklich schlimm aussehende Obdachlose gibt: Der Aufschwung scheint sich langsam immer weiter in die breite Masse zu verbreiten. Und wohin es gehen soll ist klar: Europafahnen wehen hier überall, mit English kommt man gut durch, und auch Deutsch wird immer wieder gesprochen. Als Deutscher ist man „Hello, my friend!“, und von Kaltenberger über Münchner Bier bis zum König Pilsener ist alles beworben. Nur der Wein, der kommt selbstbewusst aus Georgien!

Gegen Abend, als es regnerisch wird, probieren wir diesen auch einmal: Im „Old Generation“ versuchen wir den Regenschauer zu überdauern. Das in das Ufer gehauene Gewölbe mit geschäftstüchtiger Wirtin ist stilvoll ausgestattet, und wir trinken so viel selbstgemachten Hauswein, bis es egal ist, dass es Hund und Katzen regnet. Dazu gibt es eine georgische Spezialität zum Knabbern: Faserige Streifen Ziegenkäse. Auf den ersten Biss sehr salzig und zu deutlich im Geschmack, aber wenn man einzelne dünne Stränge abzieht und langsam isst, dann schmeckt das sehr gut!

Apropos gut schmecken: Hier schmecken auch die „Chinkali“ richtig lecker. Das sind mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, die in Suppe gekocht werden. Beim Georgen zu Hause sind die ein wenig fad und wässrig, hier ist das richtig lecker und pikant gewürzt. Davon werde ich sicher noch mehr probieren.

Morgen geht es dann – bei hoffentlich sonnigerem Wetter – mit der Seilbahn auf die Burg und mit der Zahnradbahn auf den Hausberg – bisschen Füsse schonen nachdem wir heute fast 20km durch die Stadt gelaufen sind.

Und noch ein paar Bilder:

 

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