Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Durch das Alasani-Tal zurück

Nachdem wir uns aus Park gekämpft haben, sieht das Auto mindestens so schmutzig aus wie der Fahrer. Schlammspritzer bis aufs Dach, Rückspiegel mit Mühe noch benutzbar, Rückscheibe nicht mehr. Das ist mit Taschentüchern und Mineralwasser nicht zu beheben, aber zum Fahren reicht es.

Zurück Richtung Westen wollen wir auf der Strasse zurück, die 10km weiter nördlich als auf dem Herweg liegt. Hier verläuft das Alasani-Tal – angeblich wurde hier das Wein machen erfunden. Noch bis zum Fluss gehört es zu Georgien, der Großteil des Tals ist aber aserbaijanisch. In das Tal geht es mit einem kleinen Umweg über den Pass hinunter. Aber vorher müssen wir durch Zemo Kedi – die Dörfer hier in Ostgeorgien sind lustig: Mehrere Kilometer lang, aber nur zwei Häuser breit. Ein Haus links der Strasse, ein Haus rechts. Immer wieder kaum erkenntlich enthalten Häuser kleine Läden, in einem erstehen wir unser Mittagessen – wieder das leckere Brot. Ich schicke Gabi einkaufen, ich bin nicht wirklich präsentabel. Der getrocknete Schlamm klebt bis über das Knie und zu den Ellenbogen, und im Gesicht und in den Haaren sind auch Spritzer. Bis zum Abend habe ich deutlich weniger Haare an den Beinen, und die Haus ist schweinchenrosa.

Wir lernen wieder dazu: Brot gibt es nicht im Lebensmittelladen, sondern in den Verschlägen mit der Klappe, die aussieht wie ein verkehrt herum eingebautes Fenster. Das sind die Bäcker. Und das erfährt man, wenn man wie Gabi ein paar Brocken türkisch kann und weiss, was Brot auf türkisch heißt.

Gestern war ich so positiv überrascht von der guten Strasse, heute nehme ich alles zurück: Mit 20km/h kurven wir um wassergefüllte Schlaglöcher, zwischendrin müssen wir auch mal umdrehen, weil über eine Strasse gerade eine Wasserleitung gebaut wird. Nur mühsam geht es vorwärts, und Weinfelder sehen wir nur wenige. Dafür ist die Natur wunderschön. Hier im Osten Georgiens scheinen noch vorindustrielle Zustände zu herrschen, Eselskutschen sind keine Seltenheit. Reisen ist mühsam, es macht den Eindruck, als wäre man von der Welt abgeschnitten – wenn da nicht die Handys wären, die überall am Ohr kleben, mit der Kippe in der anderen Hand.

Nach vier Stunden Fahrt für weniger als 100 Kilometer auf – und oft auch neben der Strasse – landen wir, einem Waldweg kaum breiter als das Auto folgend, endlich wieder auf der gut gepflegten Landstrasse. Zurück nach Tbilissi geht es dann schnell, das umfahren wir dann mit der Umgehungsstrasse – eine gut ausgebaute Landstrasse, die die Hauptstadt nördlich umkreist. Plötzlich teilt sich die Strasse ohne irgendeine Beschilderung, und auf der nach rechts führenden Strasse, die wir nehmen müssen, liegen riesige Betonklötze, die die Strasse auf eine Spur verengen. Warum man auf einer Schnellstrasse beide Richtungen durch ein Nadelöhr schickt, erschliesst sich mir nicht?

Einen Kilometer weiter hektische Bremsaktionen bei den Autos vor uns, und einer der beiden schert gar auf die Gegenfahrbahn aus, obwohl da langsam ein Laster entgegen kommt. Der Verwunderung klärt sich auf, als wir näher kommen: Die oberste Strassenschicht fehlt hier auf etwa 100 Metern, es geht über Schotter weiter. Während der Mercedes, der uns vorher rasant überholt hat wie auf Eiern vorsichtig über die Steine balanciert, kann ich mit dem SUV jetzt wieder flott vorbei ziehen. Noch zwei Mal wiederholt sich der Spass, einmal muss man eine Art Treppe herunter fahren, weil mindestens ein halber Meter Strassenbelag fehlt. Hier hat im Herbst wohl ein Erdrutsch gewütet, und die Strasse ist noch nicht repariert. Ebensowenig wie die Brücke, deren Überreste wir auf der alten Strasse umfahren.

Wenig später haben wir noch mal eine schöne Aussicht über die nördlichen Wohngebiete von Tiflis: ein kleiner See vor Hochhauswäldern. Nur ein kleines Stück weiter dann schöne Villen, und schicke Einfamilienhäuser mit Garten.

Unser Ziel heute ist Mtskheta, die frühere Hauptstadt. Hier fühlen wir uns, als hätten wir eine Zeitreise gemacht: In der Früh noch in traditioneller, bäuerlicher Welt mit armen Dörfern und kaputten Strassen, und jetzt in einem gepflegten Tourismusort, der auch in den Alpen liegen könnte. Alles ist sauber und neu, die Häuser stehen gerade und ohne Risse, es sind sogar ein paar richtig schöne Mittelschicht-Häuser dabei. Und nicht ein Bettler. Während in Tiflis an jeder Strassenecke mitleidsheischend die Hand entgegen streckt ist hier Idylle pur.

Entsprechend die Hotelpreise, 150 Lari, also knapp 60 Euro sollen wir für ein Doppelzimmer zahlen. Wir lehnen ab, auch wenn die Dusche in dem Zimmer sehr verlockend aussieht. Im Guesthouse kostet die Übernachtung dann nur 40 Lari, und es gibt Abendessen und Frühstück mit dazu. Das Auto dürfen wir auch waschen. Die Zimmer sind im ersten Stock des Hauses der Gastfamilie, deren etwa 11-jähriger Sohn Gigi perfekt englisch spricht. Das Reinigen von Auto und Fahrer dauert dann ein wenig länger, aber ein kleiner Spaziergang durch den Ort geht sich danach noch aus.

Generell ist uns heute wieder aufgefallen, dass Georgien ein sehr sauberes Land ist. Weder in den kleinen Dörfern noch in Tiflis liegt nirgendwo groß Müll rum, die Strassen sind sauber. Nur an einer Stelle hängt viel Plastiktütenmüll in den Bäumen, das erklärt sich aber kurz darauf: Nach der nächsten Kurve ist die Müllkippe, und der Wind verbläst die leichten Plastiktüten.

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