Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Das „beschissene“ Paradies

Wäre Schnorcheln nicht so meditativ, ich würde wie ein Mädchen in einem schlechten amerikanischen Film auf und ab springen und klatschen. Unser Abschlussaufenthalt auf Heron Island ist der Hammer! Über und unter Wasser Unmengen von Tieren. Eine sehr schön in den Wald eingebaute Hotelanlage, und selbst in der Holzklasse, die wir gebucht haben, sind die Zimmer einladend.

Das Riff ist etwa 7km lang, die Insel erscheint darin winzig

Heron Island ist ein Atoll 70km vor der Küste Queenslands. Die zwei Stunden Überfahrt sind für 3/4 der Passagiere sehr anstrengend. Wir fahren mit dem Ersatzboot, weil die übliche Fähre defekt ist. Und das kämpft sich sobald wir das offene Meer erreicht haben durch die etwa einen Meter hohen Wellen.

Laufen ist auf dem Schiff nur mit Festhalten und mit federnden Knien möglich. Die weissen Tüten werden durch die Reihen gegeben, und ziemlich schnell sind einige Passagiere so grün, dass sie anfangen könnten Photosynthese zu betreiben. Glücklicherweise bin ich da nicht anfällig, und ich kann mich voll auf mein Solitaire am Handy konzentrieren. Meine Frau will ja nicht mir sprechen, sondern nur stoisch und blass um die Nase den Horizont anpeilen…

Nachdem wir zwei andere Atolle passiert haben erreichen wir den Kanal. Und weil ich eh grad am Ratschen mit dem Kapitän bin, habe ich guten Ausblick vom Steuerdeck. Ein Rochen begrüßt uns schon vor dem Anlegen! Und ein oder zwei Vögel. Oder mehr – die Insel ist mangels natürlicher Feinde ein Mekka für Vögel. Und wo Vögel sind, da ist auch – Vogeldreck. Alles ist mit weissen Flecken bedeckt, und bei der Begrüßungsveranstaltung heisst es: „You will get poo’ed on. Just consider it good luck!“. Und tatsächlich dauert es nicht lange, bis wir beide erwischt werden.

Wir waren noch nicht mal bei unserem Häuschen als es Gabi erwischt hat!

So sehen alle Wege aus

Die Vögel machen schon auf dem Gelände einen Heidenlärm, aber als wir dann den „Forest Walk“ erkunden wird das zu einer Kakaphonie aus Fiepen, Meckern, Brüllen und Kreischen! Nachts kommen dann noch die Mutton Birds dazu, die wie Säuglinge brüllen. In der selben Lautstärke. Gut, dass mein Vaterinstinkt inzwischen verkümmert ist, sonst würde ich permanent aufspringen um den Schnuller wieder reinzustecken!

Diese Vögel sind die Hauptpopulation der Insel:

Ein Reiher, nach dieser Art wurde die Insel benannt

So unschuldig kuckt die Möwe, nachdem sie den Reiher verjagt hat

Der tschirpende Weisskopfnoddi

Ein schwarzer Reiher

Ralle mit Nachwuchs

Ein Keilschwanz-Sturmtaucher – erstaunlich, wie laut dieser nachtaktive, etwa 20 cm große Vogel bellen und kreischen kann

Die ganze Nacht geht das ohne Pause, wir schlafen dennoch so gut, wie es bei 25 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit geht. Das muss man mal erlebt haben, das ist wie Übernachten im Zoo. Der Mensch ist erstaunlich gebaut: Am zweiten Tag ist es bereits Hintergrundgeräusch, das man gar nicht mehr wahrnimmt.

Die Insel ist etwa einen Kilometer lang und 300m breit. Die Hälfte ist für das Hotelgelände reserviert, die andere Hälfte ist Nationalpark, und hier kommt man durch den Forest Walk oder über den Strand hin. Der Strand entspricht dem karibischen Prospektklischee: Weißer Sand, türkises Wasser, Palmen und Mangroven.

Bei Flut wird der Strand recht schmal

Aufgrund des Riffes sind die Wellen nur klein. Ein paar hundert Meter vom Strand entfernt, am Riffabbruch wo es steil nach unten geht, sieht man die „große“ Brandung. Somit gibt es auch keine richtig großen Wassertiere hier, keinen weißen Hai und keine Wale. Nur die kleinen Haie mit einem Meter und die Mittleren mit 2 Meter Länge.

Brandung am Riffabbruch

Fischkunde

Neben der Fahrrinne zum Steg liegt ein Schiffswrack, in dessen Schatten jede Menge großer Fische schwimmen.

Schiffswrack markiert den Hafeneingang

So groß wie der fette Barsch, der unter dem Steg schwimmt sind die Regenbogenfische nicht, aber ein ganzes Stück länger als mein Unterarm sind sie schon. In dieser Größe gibt es eine ganze Menge unterschiedlicher Fische, und die halten sich nicht immer an die Grundregel „Don’t touch anything!“. Als ich einmal durch eine Gruppe mit etwa 30 wunderschönen grünblauen Fischen mit etwa 50cm Länge treibe, reiben sich einige an mir, und einer knabbert sogar an meinen Waden. Hey, kucken geht mit den Augen! Flegel!

Ein bisschen kleiner ist der gut getarnte, giftige Steinfisch – einer der wenigen „gefährlichen“ Tiere hier. Der ist netterweise auch weniger touchy, und schwimmt davon, als er sieht, dass ich ihn entdeckt habe.

Ganz ungefährlich sind hingegen die vielen Rochen und auch die Haie, die hier in mehreren Rassen rumschwimmen. Das sage ich mir als Mantra, als mich beim Schnorcheln zwei der mittelgroßen Haie mehrfach umkreisen. Beide ein ganzes Stück länger als ich, aber sie scheinen festzustellen, dass sie den Mund so weit nicht aufkriegen und schwimmen davon.

Weniger kaltes Blut, aber ebensoviel Adrenalin macht die Begegnung mit der Rochen-Großfamilie: 16 Tiere zähle ich, als mich die Strömung bei weniger als einem Meter Wassertiefe über die Flügelfische treibt. Nummer Siebzehn stellt sich schnell als Hai raus, der aber auch sehr flach gebaut ist und weniger lethargisch schnell Reissaus nimmt.

Schlüpfende Schildkröten sehen wir leider nicht, dafür ein halbes Dutzend erwachsener Tiere. Eines ist sehr zutraulich, und schwimmt einige Minuten mit mir mit, immer knapp unter mir.

Traurig ist die deutlich sichtbare Korallenbleiche – immer wieder sind mehrere Meter große Stellen abgestorben, zerfallen und weiss. Mein schlechtes Gewissen wegen des CO2-Abdrucks dieser Reise liegt sichtbar vor mir.

Leider habe ich keine Unterwasserfotos, weil mir meine GoPro letztes Jahr in Frankreich (Wo sonst, wir haben ja keine Vorurteile!) gestohlen wurde.

Vogelkunde

Die Vögel zu beobachten ist lustig. Die Möwen sind die Rabauken des Pausenhofs. Immer wieder „mobben“ sie die Reiher. Zu zweit bellen sie wie Hunde den Reiher an, bis dieser verschreckt davon hüpft. Überhaupt hüpfen und rennen die meisten Vögel hier. Am schnellsten rennen die Rallen mit dem sexy Rogue um die Augen über das Gelände. Im Allgemeinen sind sie recht scheu, aber einige Tiere sind ganz schön frech.

Jeffrey zum Beispiel – so nennen wir unsere Hausralle – kommt immer wieder auf unsere Terrasse gerannt und versucht ins Zimmer zu laufen. Wenn man sich ihm in den Weg stellt, dann pickt er auch gerne mal mit seinem langen spitzen Schnabel auf die Zehen. Das macht er auch, wenn Gabi entspannt da sitzt, und Jeffreys Anwesenheit ignoriert. Das geht gar nicht, und *zack* wird in den Zeh gebissen. Nachdem die Aufmerksamkeit da ist, wird man begangen. Über die Schulter klettert er auf den Kopf, und macht dort netterweise kein Häufchen! Dafür ist das Label am T-Shirt jetzt fällig.

Jeffrey will mein Wapperl fressen

Natürlich, aber traurig ist, dass es hier Vögel gibt (welche das sind, habe ich nicht verstanden) deren Kot sehr klebrig ist. Von dem Kot getroffene Vögel – und wir sehen einige – können sich irgendwann kaum noch bewegen und sterben. Das ist grausam, aber wichtig für die Insel. Die meisten Vögel sterben über dem Meer, ihre Kadaver werden aber als Dünger für die Bäume benötigt. Gäbe es den Klebekot-Vogel nicht, gäbe es wohl nicht so dichte Bewaldung!

Der Noddi wird leider nicht mehr lange leben 🙁 – Das grausamere Bild eines anderen Noddi erspare ich Euch

So gehört auch zum Paradies Leben und Sterben, und alle Zahnräder greifen ineinander. So wächst die Insel etwa viel durch „Beach Rock“ – Sand, der versteinert, wenn Regen den Vogelkot von der Inselmitte zum Strand schwemmt. Sand und Meerwasser und der Kot reagieren und werden zu festem Stein. Faszinierend!

Preis

Das Paradies war noch nie billig, und da die Zimmer als Übernachtung/Frühstück verkauft werden, kommt für Abendessen noch mal gut was dazu – das Mittagessen lassen wir lieber ausfallen. Man kann ja nicht schnell irgendwo anders Essen gehen, und somit kommen zu über 200€ Zimmerpreis pro Tag noch mal 100€ Abendessen dazu. Hier sind auch mehrere Familien mit vielen Kindern, da kommt dann schnell ein ganz schöner Tagessatz zusammen. Vor allem wenn man dazu noch Internet will – 5$ kosten 100MB, das sparen wir uns.

Aber ist es das wert? Definitiv!

Selbst als wir uns am zweiten Abend am liebsten die Haut runterkratzen würden – irgendwas hat uns böse verbissen. Ob es jetzt Bettwanzen sind, oder Sandflöhe, oder irgendwelches mieses Getier im Wasser, wir wissen es nicht. Aber es juckt ziemlich eklig. Wir würden trotzdem sofort wieder auf die Wackeljolle steigen und das Portemonnaie ausleeren, das waren tolle 1,5 Tage auf Heron Island!

Morgen geht für mich der Heimweg los, für Gabi der Transfer nach Samoa zum Freiwilligendienst. Der kleine 34m-Katamaran liegt bereits am Pier, es wird also wieder „bumpy“ auf der Rückfahrt.

Fast höher als lang ist der Inselflitzer, der immerhin 40 km/h Reisegeschwindigkeit hat

Danach will das Auto nach Brisbane, Entfernung etwa Hamburg – München, über Landstrasse. Allerdings sehr gerade und wenig befahren. Das sollten wir in 28 Stunden schaffen, und dabei noch ein wenig Sightseeing machen können. Dann noch zwei Übernachtungen in Brisbane, dann gehen unsere Flieger. Sonntag bin ich wieder in München, bis dahin ist dort hoffentlich nicht nur nach Kalender, sondern auch nach Temperatur Frühling!

Nachtrag: Rückfahrt

Ich sitze relativ entspannt am Tisch, sortiere Fotos und tippe vor mich hin. Wir sind diesmal unter Deck, hier hubbelt es weniger, dafür stinkt es nach Dieselabgasen. Es hat die ganze Nacht gestürmt, und ich war (senile Bettflucht!) auch noch mal zum Fotografieren draussen.

Dementsprechend wird aus unserem Morgenschnorcheln auch eher ein Workout – das Wasser ist total aufgewirbelt und trüb, dafür ist ordentlich Strömung, gegen die man erst man anschwimmen muss. Um 10 Uhr geht unser Boot zum Festland, und bereits der Blick auf die See verrät: Das wird lustig!

Einen Platz unten zu ergattern war schlau, die Wellen sind nochmal deutlich höher als bei der Hinfahrt, und sie kommen von der Seite. Wir rollen ganz ordentlich rechts und links, und große Wellen krachen laut gegen den Rumpf. Wer oben im Freien sitzt ist schnell pitschnass, die Gischt schwappt oben drüber. Eine Frau am anderen Ende des Bootes spielt tapfer weiter Handy, während sie aussieht, als würde sie jeden Moment in Ihre Handtasche brechen. Aber inzwischen sind ja alle Hochsee-erprobt, diesmal bleiben die weissen Tütchen leer.

Vor Gladstone ist wieder heftig Verkehr, in einer langen Reihe verlassen Kohletransporter, Containerschiffe und Tanker den Hafen. Mindestens zehn Schiffe zähle ich, hier geht es zu wie im Hamburger Hafen!

Noch ein paar Inselbilder

Seegurken gibt es hier auch in etwas größer

Shark Bay – neben Haien gibt es hier auch Rochen

Drei Bier für mich und meine Rochenfreunde

Der Wind lädt die Kiter ein

Rochen direkt am Strand

Die Punks von der Möwengang (andere Rasse als die meisten Möwen hier, die haben rote Schnäbel)

Und als Bonus noch ein kostenloses Sexbild!

Rollige Rallen

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