Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Auf und ab

Heute starten wir den Tag mit einem Aufstieg durch das Viertel um unser Hotel, hoch zur prunkvollen Kathedrale. Die meist krummen, von Erdbeben und Zeit zerrüttelten Häuser auf dem Weg sind weniger prunkvoll. Aber in einem Haus zu leben, dass von einer Metallmanschette zusammen gehalten wird, ist immer noch besser, als sich sein Haus aus einer alten Bushaltestelle und Pappe zu bauen.

In der Kathedrale singt ein Mann, der eher wie aus einem Al-Quaida-Video entsprungen aussieht, als ein orthodoxer Priester. Der Singsang hat etwas Betäubendes, Meditatives. Dazu dann der Weihrauch, da kann es schon mal zu einer religiösen Extase kommen – wie bei der älteren, ganz in schwarz gekleideten Dame, die scheinbar zur Busse mit einem Gewicht um die Kathedrale schlich.

Auf dem Weg zum Pallazzo des Präsidenten kaufen wir ein Tonis Puri (linsenförmiges Brot) zum Frühstück, und das ist tatsächlich richtig lecker! Reste der Asche vom Ofem hängen noch dran, und es ist leicht salzig. Gutes Brot außerhalb des deutschsprachigen Raums, bisher für mich unvorstellbar 🙂

Am Pallazzo gibt es nichts zu sehen, also weiter runter zum Fluss, über die Brücke, und wieder bergauf. Tbilissi liegt langgezogen zwischen den Bergen entlang des Flusses, und somit geht es immer irgendwo bergauf. Bis wir durch lange, mit zum Laufen unangenehmem Pflaster überzogenen Gassen beim „Funicular“ ankommen, sind wir ziemlich durchgeschwitzt. Das Wetter ist sehr irisch: Gefällt es Dir nicht, warte fünf Minuten. So wechselt es beständig zwischen schwüler Wärme, kaltem Wind, Regenschauern und strahlend blauem Himmel.

Das Funicular ist abenteuerlich: Zwei Wägen fahren gegenläufig eine steile Schiene auf und ab, gezogen nur von einem Drahtseil. Wenn das fehl schlagen sollte, gibt es keinen Plan B: Für Bremsen ist es definitiv zu steil, wenn das Seil reißt, dann geht es ungebremst die 500m lange Strecke nach unten. Da uns die Sowjettechnik aber sicher nach oben bringt, werden wir mutig, und steigen oben im Vergnügungspark auf dem Gipfel auch noch in das rostige Riesenrad.

Da wird mir dann aber doch etwas mulmig, knarzend bewegen sich langsam die ziemlich rostigen Stangen an uns vorbei, und die Verankerung der Nachbarkabine ist auch schon ganz schepps. Aber schlussendlich überleben wir auch das, müssen aber danach sofort ins Restaurant fliehen, denn die nächste Wolke entlädt sich mit dicken Tropfen und es bläst ordentlich. Ich bin sehr froh jetzt nicht oben in der Gondel zu sitzen. Weniger froh bin ich über meinen Mut bei der Getränkewahl: Schokoladenlimonade – schmeckt so gruselig, wie es klingt.

Nachdem die Sonne wieder raus kommt ist die Aussicht über die Stadt genial! Und wenn man sich umdreht, dann überragt der Fernsehturm das Riesenrad noch mal um ein Mehrfaches. Knapp 250m hoch greift der Turm hier oben über den Gipfel hinaus zum Himmel.

Auf einem Hügel gegenüber scheint ein Ufo gelandet – ein weißer Diskus mit Antenne hängt am Hang, es fehlt nur der Fuchsschwanz an der Antenne. Später lese ich, dass sich darin die Notrufzentrale von Polizei und Feuerwehr befindet – das hätte ich jetzt nicht vermutet.

Wieder unten in der Stadt geht es durch schnuckelige Gassen mit schönen Häusern in stark schwankendem Zustand. Es scheint, als wäre entweder Geld für Autos da, oder Geld für Renovierung. So steht der rostige Kia vor dem renovierten Haus, und der SLK vor der aus europäischer Sicht nicht sicher betretbaren Ruine.

In der Old Town ist es dann voll renoviert und auf Tourismus getrimmt, Weinlokale, „echt georgische“ Restaurants, Nachtclubs (Dolce & Gabbana „Egoist“ Club!). Über den Fluss im Rike-Park steigen wir in die Gondel ein, und fliegen über Fluss und Altstadt auf einen anderen Berg, der von der Statue der Gründermutter und der alten Burg gekrönt wird. Auch hier ist die Aussicht toll, auch wenn ein Pfau zwischendrin mal den Kopf in die Linse hält: Für ein bisschen Bakschisch kann man sich hier mit Pfau oder Jagdfalken ablichten lassen.

Wir probieren hier eine weitere Spezialität des Landes: Tschurtschchela, an einem Bindfaden aufgehängte Walnüsse, die dann wie beim Kerzen ziehen immer wieder in dicken Fruchtsaft getaucht werden. Sieht merkwürdig aus, und trifft auch nicht so ganz meinen Geschmack.

Entlang der Burgmauer steigen wir wieder in die Altstadt und bummeln uns durch bis wir eine Eisdiele entdecken. Preise wie zu Hause, aber es schmeckt auch wie direkt von Giovanni! Gut, dass wir uns hier so viel bewegen, bei so viel leckerem Essen!

Zurück ins Hotel geht es mit der U-Bahn, und es scheint, als dauert es länger, die schier endlose Rolltreppe runter und wieder hoch zu fahren, als von Station zu Station zu kommen. Die Preise sind spottbillig, eine Fahrt kostet 0,5 Lari, also 20 Cent, und die U-Bahn kommt alle 4-5 Minuten.

Abendessen gibt es im Hotel: Nachdem es im Irish Pub in der Old Town keinen Cider gab (WTF? Das ist wie bayrische Wirtschaft ohne Bier!) und das Brot so lecker war, kaufen wir uns einfach noch eines und einen Brotaufstrich zum Dippen.

Danach noch mal ins „Old Generation“, diesmal lernen wir neben der Wirtin Maja auch den Winzer und Ehemann Chabuki kennen, und reden bei ein paar Glas Wein halb deutsch, halb englisch, halb Fingersprache über Georgien – und fühlen uns bestätigt, dass unsere geplanten Reiseziele die Richtigen sind.

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