Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Adjara

Wieder zurück zum schwarzen Meer. Wir kurven ein wenig durch die Hafenstadt Poti, finden dort aber nichts, dass eines Verweilens würdig wäre. Weiter Richtung Süden geht die Strasse eine Zeit lang am Meer entlang, und an einer Stelle führt auch eine Abzweigung zum Strand.

Nach den Erfahrungen der letzten Tage reisse ich mich zusammen, und folge nicht den Reifenspuren, die bis zum Wasser führen, sondern bleibe vorher stehen. Der Sand ist ziemlich dunkel (schwarzes Meer). Wenn es sonnig wäre, dann heizt sich das bestimmt ganz schön auf, im Hochsommer ist hier sicher nichts mit barfuss. Es ist aber nicht sonnig, sondern nieselig und grau. Das, und der überall verteilte Plastikmüll verhindern es, die Natur wirklich zu genießen. Eigentlich wäre es hier vermutlich sehr schön – die Berge reichen hier bis direkt zum Meer.

Die Strasse windet sich somit bald hoch und runter über bewaldete Hügel direkt am Meer entlang. Für spektakuläre Klippen ist es jedoch zu feucht und der Boden zu schlammig. Auch hier ist der Schlamm extrem dunkel, glitschig und pappig. Zusammen mit dem Regen (und den abgefahrenen Reifen) ist das eine gefährliche Kombination, irgendwann schalte ich auf Allrad um, weil beim hektischen Ausweichen gerne mal das Heck zu schlingern beginnt.

Vorausschauend und vorsichtig fahren ist hier schwer, es ist relativ viel Verkehr, und etliche Baulaster kriechen die Hügel sehr sehr langsam hoch und runter. Das Überholen ist eine hektische Angelegenheit, der Puls bleibt oben.

Wir erreichen Batumi dennoch lebendig, und sind ein wenig schockiert. Wir hatten vorher beeindruckende Bilder der Stadt gesehen, und man erzählte uns vom glänzenden Las Vegas Georgiens. Das stimmt soweit schon, aber alles ist noch im Aufbau. Vor wenigen Jahren war das hier noch eine schmutzige Hafenstadt, und es macht den Eindruck, als würde hier im Rekordtempo eine Spielermetropole hochgezogen. Tatsächlich begann der Hotel- und Casinobau erst vor weniger als 10 Jahren. Etwa ein Dutzend große Hotelcasinos stehen bereits, dazu an jeder Ecke ein Kleines, etliche weitere Wolkenkratzer sind im Entstehen – überall wird gebaut.

Dafür benötigt man viele Bauarbeiter und die ganze Litanei der Dienstleistungsbranche, von denen, die die Betten beziehen bis zu denen, die sie stundenweise beliegen. Und auch diese Menschen benötigen Häuser, allerdings solche, die weniger hohen Standards genügen. Also auch hier alles wie im Vorbild Las Vegas.

Eine Seilbahn führt vom Meer quer über die Stadt bis auf einen 250m hohen Hügel am Stadtrand. Von hier oben sieht man deutlich, dass das gemeine Volk in schlichten Häusern mit oft notdürftig ausgebesserten Wellblechdächern oder einfachsten Mietskasernen haust, und nicht immer ist die Strasse dorthin geteert. Der Traum vom schnellen Geld führt halt wie so oft meist nicht zum Glück. Bei ein paar wenigen jedoch schon, und einer davon baut sich keinen Palast, sondern eine Ritterburg, mit Türmchen und Kirche im Innenhof.

Was deutlich auffällt ist, dass hier der Fokus ganz klar auf bauen, bauen, bauen liegt. Wenn etwas fertig ist, wird sofort das Nächste gebaut. Die Instandhaltung des fertig Gebauten hat keine Priorität. An offensichtlich noch nicht alten, und auch nicht billigen Gebäuden blättert die Farbe und blühen Schimmel und Rost. Die Strandpromenade ist zwar mit Kunstwerken geschmückt, aber sonst wurde nicht an das Auge gedacht.

Hinter der Strandpromenade gibt es ein paar Tiergehege mit Pfauen, Enten und Pelikanen. Ein Pelikan kommt zum Zaun gelaufen und schnappt nach den Besuchern. Vermutlich ist er gewohnt, dass er gefüttert wird und wird sauer, wenn man es nicht tut. Die Kamera hat aber glücklicherweise ein stabiles Objektivglas, dass durch einen Pelikanangriff nicht bricht.

In der Altstadt stehen einige schöne, älter aussehende Häuser, und es gibt schnuckelige Alleen. Und wie es sich für ein Las Vegas gehört gibt es ein Hofbräuhaus – in dem es statt Weisswurst und Schweinebraten georgisches Essen gibt. Des Weiteren gibt es ein Restaurant „Munich“ und das Restaurant/Pub Weihenstephan.

Als es auch am Nachmittag nicht aufklart, sondern stattdessen erneut zu regnen beginnt, ändern wir den Plan hier zwei Strand- und Ruhetage zu machen, und fahren weiter. Gabi ist froh, als wir die Stadt verlassen haben, und der Verkehr nachlässt. Die georgische „Platz-Da-Hier-Komm-Ich“-Fahrweise funktioniert einigermaßen, solange nur alle paar Kilometer ein Auto kommt. Im dichten Stadtverkehr ist das etwas Anderes, wir sehen einige Beinahe-Kollisionen, und ohne schnelle Reaktionen hängt man schnell unter einem Laster.

Entlang der türkischen Grenze geht es eine enge, kurvige Strasse ins Landesinnere. Die Nähe zur Türkei merkt man auch auf der Strasse, die Schilder sind nicht mehr Georgisch-Englisch beschriftet, sondern Georgisch-Türkisch (Dikkat!). Wir sind jetzt im „kleinen“ Kaukasus, eine etwas niedrigere Gebirgskette, die den südlichen Rand von Georgien bildet, während der „große“ Kaukasus die Grenze zu Russland im Norden entlang läuft.

Die 60km Luftlinie zum nächsten Ort mit Hotel ziehen sich, 850 Höhenmeter sind zu erklimmen bis wir nach zwei kurvenreichen Stunden den winzigen Ort Khulo erreichen, in dem ein Gasthof mit drei Gästezimmern uns Herberge bietet.

Zum Mittagessen gab es Khachapuri Anguri – ein linsenförmiges, süsses Brot, in dessen Mitte ein Spiegelei in einer Butterpfütze schwimmt. Sehr mächtig, das wird nicht mein Leibgericht. Dafür überrascht das Abendessen: Mtsvadi und Susuni. Beides sehr lecker, das Erste ist einfach und bekannt: Schweine-Schaschlik mit Zwiebeln,Petersilie und Öl. Das Zweite ist raffinierter und exotischer: Ähnlich wie Lasagne ist Teig geschichtet, allerdings nicht übereinander sondern nebeneinander. Außerdem ist es vermutlich Blätterteig, dazwischen Ei, Olivenöl und viel Knoblauch. Ich will morgen nicht neben mir sitzen, aber das war extrem lecker!

Ansonsten war heute für die Tiere wohl ein romantischer Kuscheltag: Am Vormittag stand auf der Strasse eine Sau, auf deren Buckel ein Eber hing. Das hatte aber wohl mehr mit Kuscheln als mit Fortpflanzung zu tun, er schien tatsächlich eingeschlafen zu sein. Das passte einer anderen Dame nicht, die stieg gleich noch hinten mit drauf! Am Nachmittag in Batumi war es weniger kuscheln, zwei Spatzen waren heftig am „Vögeln“. Und perverser Spanner, der ich bin, habe ich natürlich alles fotografiert…

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